26. Okt. 2015, 14:30 Uhr

Ausstellung sucht Völkerverbindung

Archiv der Wojwodina/Novi Sad (C)

Marchtrenk ist eine durchaus außergewöhnliche Stadtgemeinde in Oberösterreich: Jede/r zweite hat hier seine Wurzeln im ehemaligen Banat, einem Landstrich, welcher auf die heutigen Staaten Serbien Rumänien und Ungarn aufgeteilt ist. Es waren die Vertreibungen der Donauschwaben nach dem II. Weltkrieg, die viele Flüchtlinge nach Oberösterreich, genauer gesagt in ein Flüchtlingslager nach Linz, brachten. Viele von ihnen sollten sich später in Marchtrenk ansiedeln. Bis heute ist der dortige Verein von Heimatvertriebenen aktiver als anderswo; erst im Juni 2015 erhielt Obmann Konsulent Anton Ellmer das Goldene Verdienstzeichen für besondere Verdienste um die Republik Österreich. Und auch der Marchtrenker Bürgermeister Paul Mahr (SPÖ) ist ein Nachgeborener der Donauschwaben. Nicht zuletzt betonte Landeshauptmann Dr. Josef Pühringer in einer Festansprache, dass die Geschichte der Heimatvertriebenen nach 1945 zu einem festen Teil der Landesgeschichte geworden sei: "Heimatvertriebene waren in den 40er Jahren der Motor des Wiederaufbaus und in den 50er Jahren des Wirtschaftswunders. Wenn wir heute auf die wirtschaftliche Entwicklung unseres Landes in den letzten sechs Jahrzehnten zurückschauen und uns heute einen starken und zukunftsfähigen Wirtschaftsraum nennen können, dann ist das auch ihr Verdienst."

Leben im "Vielvölkerreich"

Eine Ausstellung im Marchtrenker Volkshaus widmet sich ab kommendem Montag, dem 26. Oktober jener Region, die einst viele Donauschwaben beheimatete: die heutige Autonome Provinz Wojwodina in Nord-Serbien und dem Temeser Banat im angrenzenden Rumänien. Der Fokus ist dabei ein historischer; es geht um jene 12 Jahre des 19. Jahrhunderts, in denen die "Woiwodschaft Serbien und Temeser Banat" (Woiwodschaft = Landstrich unter der Herrschaft eines Woiwoden) als ein Kronland des Kaisertums Österreich existierte. Die Ausstellung zeigt die rechtliche und politische Lage dieser Region von 1849 bis 1861 sowie das Leben der Serben und anderer Völker im Rahmen des Österreichischen Kaisertums im 19. Jahrhundert. Der größere Teil der Ausstellung besteht aus Archivdokumenten aus den Beständen des Archivs der Wojwodina und zum einem kleineren Teil aus Büchern, Kunstexponaten, Serienpublikationen und Periodika, kartographischem Material, Schriftstücken u.ä., die aus anderen Kulturinstitutionen Serbiens stammen.

Symbolisches Zeichen der Versöhnung

Die Ausstellung ist als Wanderausstellung konzipiert und wurde das erste Mal im Mai 2015 in Novi Sad gezeigt. Durch eine Kooperation des Archivs der Wojwodina mit ICARUS (Internationales Zentrum für Archivforschung), der Landmannschaft der Donauschwaben in Oberösterreich sowie der Stadtgemeinde Marchtrenk konnte die Schau nun auch nach Österreich gebracht werden. Der zuständige ICARUS-Beauftragte Karl Heinz sagt dazu: "Es handelt sich um ein ganz besonderes symbolisches Zeichen der Verständigung, dass eine serbische Ausstellung genau an jenem Ort gastiert, der die meisten Donauschwaben Oberösterreichs beheimatet." Es ist der Vermittlung des Internationalen Zentrums für Archivforschung zu verdanken, dass die serbischen und die österreichischen Partner zueinander gefunden haben. "In Anbetracht der Brisanz die das Thema Flüchtlinge aktuell in Österreich hat, scheint es uns umso wichtiger, mit dieser historischen Schau darauf hinzuweisen, welche immense kulturelle und wirtschaftliche Bereicherung die gelungene Integration von Neuankömmlingen bedeuten kann", sagt Karl Heinz und fügt hinzu: "Vielleicht kann uns das helfen, auch heute offener mit Flüchtlingen umzugehen."

Beim Festakt im Rahmen der Eröffnung wird auch Landeshauptmann Dr. Josef Pühringer als Festredner erwartet.

Wer sind die Donauschwaben?

Als Donauschwaben gelten die Nachkommen jener KolonistInnen aus Südwestdeutschland und Österreich, die von den habsburgischen Kaisern im 18. Jahrhundert nach der Befreiung des Königreichs Ungarn von der Türkenherrschaft im pannonischen Becken angesiedelt wurden. Sie lebten bis 1918 auf dem Gebiet der Donaumonarchie. Ihr kolonisatorischer Einsatz zählt zu den großen Kulturleistungen des alten Österreich. Es gelang ihnen, aus dem Weide‐, Sumpf‐ und Ödland die "Kornkammer" der Donaumonarchie zu schaffen.

Nach deren Zerschlagung am Ende des I. Weltkriegs wurde die rund 1,5 Millionen Seelen zählende Volksgruppe zu etwa je einem Drittel auf die "Nachfolgestaaten" Ungarn, Rumänien und Jugoslawien aufgeteilt. Sie musste in jedem dieser Staaten um die Erhaltung ihrer kulturellen und ethnischen Identität politisch hart ringen.

Der II. Weltkrieg und dessen Folgen bedeuteten für die allermeisten von ihnen Heimat‐ und Vermögensverlust durch Vertreibung, Internierung und Tod. Die Donauschwaben leben heute zerstreut in aller Welt, die Mehrzahl in Deutschland. In Österreich haben rund 120.000 eine neue Heimat gefunden, etwa 36.000 von ihnen in Oberösterreich. Ihre Landesverbände sind die Träger der Pflege des kulturellen und geistigen Erbes und sind auch bestrebt, die Aufarbeitung dieses schmerzhaften Kapitels der donauschwäbischen Geschichte gemeinsam mit serbischen WissenschafterInnen und Behörden unter Überwindung althergebrachter Stereotypen voranzutreiben.

Wer steht hinter ICARUS?

Das ICARUS-Netzwerk umfasst aktuell mehr als 170 Archive und wissenschaftliche Institute aus 30 europäischen Ländern, den USA und Kanada, die zum Zweck gemeinsamer Projekte vernetzt werden. Zweimal jährlich finden sogenannte ICARUS-Treffen in wechselnden Partnerstädten statt. Das Archiv der Wojwodina ist langjähriges ICARUS-Mitglied.


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