Zu Besuch im OÖ. Sensenschmiedemuseum Micheldorf
Feuer und Wasser bildeten einst die Grundvoraussetzungen für alle technisch-industriellen Entwicklungen. So auch am Oberlauf der Krems, wo jahrhundertelang die Kraft des Wassers genutzt wurde und sich die wichtigsten Keimzellen oberösterreichischer Industrie befanden. Überregionale Bedeutung erlangte das obere Kremstal zu Beginn der Neuzeit, als Kirchdorf-Micheldorf zum europäischen Zentrum der Sensenproduktion aufstieg.
Zu den bedeutendsten Sensenwerken der "Kirchdorfer-Micheldorfer Zunft" der
Sensenschmiedemeister zählte die "Werkstatt am Gries" ("Gradn"), deren Geschichte
sich über 500 Jahre verfolgen lässt. Berühmtheit erlangte die "Gradn-Werkstatt"
durch die hervorragende Qualität der erzeugten Sensen, die mit dem Zeichen eines
"Kelchs mit Hostie" (Tassilokelch - Stift Kremsmünster) beschlagen wurden. Dieses
Zeichen wurde in weiterer Folge im 19. Jahrhundert zum Symbol eines besonderen
"Schwarzen Grafen", dessen Name untrennbar mit der Micheldorfer Sensenindustrie
verbunden war: Caspar Zeitlinger (1798-1866). Zeitlinger übernahm im Jahr 1826 das
Sensenwerk und vereinigte in kurzer Zeit nicht weniger als vier Sensenhämmer in
seiner Hand. Seinem unternehmerischen Geschick ist es zu verdanken, dass er als
einer der ersten vorindustriellen Unternehmer Österreichs angesehen werden kann.
Sein Markenzeichen - "Kelch mit Hostie" - wurde nicht nur auf Sensen geschlagen,
sondern zierte auch Geschirr und Silberbesteck, Briefpapier, technische Geräte,
Ziegel und Architekturelemente auf Gebäuden. Aber nicht nur sein kaufmännisches
Können, auch seine Vorlieben für Repräsentation, Kunst und Kultur charakterisieren
diesen größten oberösterreichischen Sensenproduzenten des 19. Jahrhunderts. All
diese Besonderheiten, Kostbarkeiten und Charakteristika findet der Besucher bei
einem Besuch des OÖ. Sensenschmiedemuseums in Micheldorf, das im Jahr 1978 eröffnet
wurde. Das Museum präsentiert heute einen lebendigen Gang durch die Jahrhunderte
der Region und widmet sich in anschaulicher Weise der Sensenproduktion und dem
Leben der "Schwarzen Grafen".
Bei einem Museumsbesuch, für den man sich ausreichend Zeit nehmen sollte, führt der Weg zunächst in das "Herrenhaus", das mit seiner reichen Ausstattung das Repräsentationsbedürfnis und die soziale Stellung der Hammerherren dokumentiert. Das "Herrenhaus" war als Wohnhaus auch der Sitz der Gewerkenfamilie und übte viele Funktionen aus. Heute wird im Herrenhaus anhand kostbarer Exponate die Unternehmerkultur des Caspar Zeitlinger, einschließlich der Hauswirtschaft und der Leitung des Unternehmens gezeigt. Gegenüber dem "Herrenhaus" befindet sich die "Kram", die früher für die Verpackung und den Versand der Erzeugnisse sowie als Sensenlager diente. Heute ist die "Kram" der Beschaffung der Rohstoffe, der Endfertigung und dem Sensenabsatz gewidmet. Verlässt man die "Kram" und begibt sich in den "Gradn-Hammer" selbst, verdeutlicht dieser eindrucksvoll die Arbeitswelt des Sensenschmiedens.
Viel zu erfahren gibt es auch über die Lebenswelt der Schmiedearbeiter und den wirtschaftlichen Wandel der Region nach der Auflassung der Sensenerzeugung. Es erwarten den Besucher auch Momentaufnahmen aus dem Leben der Hammerherren, die im Zuge eines "Living-History-Projekts" hergestellt wurden. Historische Szenen wurden dabei von Micheldorfer Bürgern nachgestellt und begegnen dem Besucher als großformatige Fotofiguren immer wieder auf seinem Museumsrundgang.
