HEIMAT=SHARING. Eröffnung der Ausstellung

© Peter Kainrath

HEIMAT=SHARING. Eine Sonderausstellung im Museum "Forum Hall" zum Thema Integration

Museum innovativ

Einladungsfolder zur Sonderausstellung; Quelle: Forum Hall

Die Potentiale der Zuwanderung zu sehen und die Chancen der selbstverständlichen Durchmischung von Kommunen mit Menschen unterschiedlicher Kulturen und verschiedener nationaler Herkunft zu bestimmen, ist eine Herausforderung - auch für Museen. Sich dem Thema Integration zu stellen ist keine Selbstverständlichkeit für kleinere Einrichtungen und regionale Häuser. Wie es herkömmlich üblich ist, macht das Museum in seinem Heimathaus vor: Sammlungsobjekte zur Migrationsgeschichte von Bad Hall wurden zu einem speziellen roten Faden durch die Abteilungen arrangiert. Wie es gelingen kann, darüber hinaus innovativ und besucherorientiert zu arbeiten, zeigt die Sonderausstellung "HEIMAT=SHARING" im Herbst 2017.

 
Der Anstoß dafür erfolgte von außen. Darin liegt auch der Schlüssel zur Umsetzung: Zum einen bringt der externe Partner die inhaltliche Kompetenz ein. Zum anderen entsteht ein Aufruf an die Öffentlichkeit, aktuelle Beiträge und Objekte zur Verfügung zu stellen, um sie in einer Sonderausstellung zu präsentieren. Das Museum macht somit seine Tore weit auf, nimmt sich als Verwalter historischer Sammlungen zurück und verwandelt sich ein Stück weit in einen gesellschaftlichen Verhandlungsort - ein Charakteristikum, das in der wörtlichen Bedeutung des Trägers "Forum" Hall ja vorbildlich angelegt ist.

Ein Leader-Projekt in Sachen Integration

Besagte Anregung zur thematischen Beschäftigung kam durch die überregionale Initiative "HEIMAT=SHARING". Diese ist ein EU-geförderte Maßnahme der Leader-Region Traunviertler Alpenvorland zur Unterstützung besonderer Aktivitäten in Sachen Integration. Entwickelt und umgesetzt wurde sie von der Juristin und Integrations-Expertin Hildegund Morgan und dem Historiker Siegfried Kristöfl. Dabei geht es nicht um Versorgung, Betreuung oder Schulungen, sondern um ein gemeinsames Tun von Einheimischen und Zugewanderten. Gleichberechtigt und zielgerichtet arbeiten die Gruppen miteinander an einem Projekt, wirken zusammen, um sich schließlich mit einem Ergebnis öffentlich zu präsentieren.
Durch diese aktive Kooperation von Ansässigen und Migrantinnen und Migranten entstehen Vertrauen, neue Beziehungen und gemeinsame Erfahrungen. Man teilt sich die Heimat, man teilt seine Heimat. Man nützt seine Heimat, man gestaltet die Heimat …

Die Region erstreckt sich über die Bezirke Steyr-Land und Kirchdorf. In ausgewählten Gemeinden plante man mit gut verankerten Vereinen wie z. B. Goldhaubengruppen, öffentlichen Bibliotheken oder einer röm.-kath. Pfarrgemeinde. In Garsten entstand eine "Textilwerkstatt" von Frauen. In Sierning präsentierten sich bei einer großen Veranstaltung Zugewanderte als "Lebende Bücher", die allen Interessierten Auskunft über bestimmte Themen gaben. Und in der Landesgartenschau Kremsmünster lud man gesellig an eine "Lange Tafel" und zu einem "Bunten Treiben". Mit dem Forum Hall stellte man sich der Herausforderung, eine Ausstellung zum Thema "Heimat" und "Integration" zu erarbeiten. Das Museum wurde somit Teil des Projekts und bildete gleichzeitig eine Bühne fürs Projekt.

Auf einer Workshop-Tagung des Verbundes Oberösterreichischer Museen zur "kulturellen Vielfalt im Museum" im Herbst 2016 wurden erste Pläne zu dieser Ausstellung vorgestellt und diskutiert. "HEIMAT=SHARING" mache einen "Zwischenstopp im Museum", lautete der Titel des Referates.

Die Ausstellung im Forum Hall

Die konkreten Planungstreffen fanden im Frühjahr 2017 statt. Sie brachten sowohl detaillierte Arbeitslisten, als auch grundsätzliche Klärungen - immerhin bewegen sich ja auch Museumstätigkeit und Integrationsarbeit in unterschiedlichen Projektkulturen. Für ein Museum ist es eine Herausforderung, die sichere Routine in der Organisation mit den Ansprüchen eines Leader-Projektes zu kombinieren, genau so die verantwortungsvolle Arbeit mit Objekten aus Depots einzutauschen gegen die gestaltende Rolle, lebendige Vermittlungsformate in einem kreativen Prozess entstehen zu lassen.

Den Hauptteil der Ausstellung bilden nämlich 17 Geschichten aus der Gegenwart, 17 Zusammentreffen in der Region rund um Bad Hall, 17 Begegnungen zwischen Einheimischen und Zugezogenen, 17 Belege für ein gelingendes Miteinander. Jede Geschichte wurde von einem "Tandem" erlebt, das sie aus zwei Perspektiven - der hiesigen und der angekommen - erzählt, und zwar in Schriftform. Diese Texte gibt es in der Präsentation zu lesen, angereichert mit symbolischen Objekten, meist gebrauchte Alltagsgegenstände, die es vermögen, eine Unmittelbarkeit herzustellen und die Emotionalität zu verdichten. Der Aufbau ist unspektakulär. Es genügen einfache Vitrinen, Dekoration und Licht. Mit diesen einfachen gestalterischen Mitteln, aber mit der inhaltlichen Tiefe, entsteht eine besondere Atmosphäre.

Die Besucherinnen und Besucher werden zu den Geschichten hingezogen. Sie bewegen sich durch den Raum, beginnen zu lesen, wechseln von einer Geschichte zur anderen, beschäftigen sich je nach Interesse intensiver und länger mit einzelnen Texten. Niemand muss alle lesen. Sie vergleichen mit ihren eigenen Erfahrungen, staunen, lächeln und lassen sich berühren. Emotionen werden geweckt durch die unmittelbaren, prägnanten Erzählungen. Sie nehmen Anteil und fühlen sich ins Vertrauen gezogen.

Gestalterisch am auffallendsten ist die intensive, moderne Grafik der Sonderausstellung, die als starkes Ausrufezeichen wirkt. Die Flaggen aller vorkommenden Nationalstaaten wurden gepixelt und durch eine Software neu zusammengesetzt. Es entstanden bunte, rot dominierte Bänder, die treffendst die kulturelle Vielfalt und den Kerngedanken des "HEIMAT=SHARING" symbolisieren.

Neue Dimensionen - Neues Museumsverständnis

Die "Tandem"-Geschichten entstanden zum Großteil im Netzwerk der Goldhaubengruppen des Bezirks Steyr-Land, aber es sind nicht nur Frauen, die erzählen, sondern auch Kinder und Männer. Sie spielen in der Nachbarschaft, im Kindergarten, am Arbeitsplatz, in der Kirche, beim Sport oder in Vereinen.
Aus allem Geschilderten kann man erkennen: Gelingende Integration ist ein wechselseitiger Prozess des Aufeinander-Zugehens. Heimat finden Zugewanderte dort, wo sie sich als Person angenommen fühlen und wo sie aktiv am Alltagsleben teilhaben können.

Solche Erlebnisse und Erzählungen öffentlich zu machen, ist auch ein Gegenargument zum Rhythmus des öffentlichen Diskurses. Das Museum wird - wie eingangs erwähnt - ein gesellschaftlicher Verhandlungsort. Beim Eröffnungsakt kam diese Rolle deutlich zum Ausdruck. Vor vollem Haus bilanzierte jede Rednerin und jeder Redner den Stand der Dinge und appellierte für Offenheit und Gemeinsamkeit.

In einem kleineren Raum sind Fotos von den bereits umgesetzten kommunalen Projekten zu sehen. Sie "museal" zu präsentieren, hebt sie ein weiteres Mal hervor und zeigt die Bandbreite an Möglichkeiten eines positiven, aufgeschlossenen Umgangs.

Das Potential von "HEIMAT=SHARING" wurde auch auf EU-Ebene erkannt und bei einer internationalen Konferenz als Best-Practice-Beispiel vorgestellt. "Changing the narrative" sei der wichtige Ansatz: Die Erzählweise über Migration und Integration muss geändert werden. Damit kann man in einem Museum beginnen, auch wenn es anderswo vordringlicher wäre. Ein Museum hat Qualitäten dafür: Es kann ein Umschlagplatz für Lösungen sein, nicht nur ein Depot, ein meinungsbildender Platz für interessierte MitbürgerInnen, nicht nur eine Touristenattraktion.

Die menschliche Begegnung darzustellen, den persönlichen Austausch, die kulturelle Annäherung - das sind die kuratorischen Herausforderungen, die Museen im Grunde immer eingehen, wenn sie radikal besucherorientiert arbeiten. Bereits im Vorfeld entstehen neue Partnerschaften und neue Netzwerke. Menschen werden mit ihren Geschichten ins Museum geholt. Objekte erhalten einen neuen Wert; sie sind das Ergebnis einer Verständigung und Dokumente von Begegnungen. Eine Ausstellung wird zum Experiment. Gegenwart zum Thema.

Siegfried Kristöfl


Die Ausstellung "HEIMAT=SHARING" kann noch bis zum 26. Oktober 2017, von Donnerstag bis Sonntag jeweils von 14:00 bis 16:00 Uhr besichtigt werden.


Museumsinformation

Forum Hall - Handwerk, Heimat, Haustüren

Eduard-Bach-Straße 4, 4540 Bad Hall
Telefon: 07258/4888