Charlotte-Taitl-Haus am Rieder Rossmarkt

© Museum Innivertler Volkskundehaus

Lern- und Gedenkort Charlotte-Taitl-Haus – Ein inklusives Museum

Museum Innovativ

Der Lern- und Gedenkort Charlotte-Taitl-Haus am Roßmarkt in Ried im Innkreis, eine Außenstelle des Museums Innviertler Volkskundehaus, ist in vielerlei Hinsicht ein besonderer Ort. Schon viele Jahre vor dessen Eröffnung hatte der Rieder Heimatforscher Kons. Gottfried Gansinger mit der Erforschung der Geschichte des Nationalsozialismus in seinem Heimatbezirk begonnen. Seine Forschungen mündeten in die Publikation "Nationalsozialismus im Bezirk Ried im Innkreis. Widerstand und Verfolgung 1938-1945", die 2016 präsentiert werden konnte. Dieser wichtige Meilenstein in der Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus war jedoch keinesfalls ein Schlusspunkt, sondern vielmehr Ausgangspunkt und Anstoß für viele weitere Projekte. So wurde beispielsweise bereits im Mai 2015 im Rahmen einer Benennungsfeier das Haus am Roßmarkt, das heute die Rieder Stadtbibliothek beherbergt, im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus umbenannt in Charlotte-Taitl-Haus.

Charlotte Taitl aus Thomasroith/Ottnang war nach ihrer Heirat mit Josef Taitl im Jahr 1919 nach Ried in das Haus am Roßmarkt Nr. 29 gezogen. Gemeinsam betrieben sie einen Leder- und Altwarenhandel. Weil Charlotte Taitl Jüdin war, erzwangen die Konkurrenten die Schließung des Geschäfts - ab 1943 durfte nur noch der Altwarenhandel weitergeführt werden. Nach der Teilnahme an der Feier ihrer eigenen Silberhochzeit mit Freunden im benachbarten Gasthaus, wurde sie wegen des "Umgangs mit Deutschblütigen" denunziert, nach Ausschwitz deportiert und dort am 16. Oktober 1944 ermordet. 

Ihr Name steht stellvertretend für die 196 bisher bekannten Opfer des Nationalsozialismus und Faschismus im Bezirk Ried. Schon bei der Benennungsfeier war klar, dass dies nicht das Ende sein konnte, sondern dass das Projekt und die Auseinandersetzung weitergeführt werden müssen. Konsequent wurde die Idee der Errichtung eines Lern- und Gedenkortes verfolgt. Den Opfern ihre Namen zurückzugeben und sie so der Vergessenheit zu entreißen, war das Ziel der Errichtung des Lern- und Gedenkorts, der am 16. Mai 2017 im ehemaligen Wohnhaus von Charlotte Taitl eröffnet wurde.


Ein inklusiver Ort des Gedenkens

Das Ziel war von Anbeginn, einen Ort zu schaffen, der für alle Menschen gleichermaßen zugänglich sein sollte. So wurde ein inklusiver Zugang gewählt, für dessen Konzept Dr. Doris Prenn verantwortlich zeichnet. Der ganz in weiß gestaltete Raum ist ein Ort des Gedenkens mit einer besonderen Atmosphäre. Berichte von Zeitzeugen sind akustisch erlebbar und es stehen via QR-Code abrufbare Leichter-Lesen-Texte sowie die Übertragung in Gebärdensprache zur Verfügung. Auf 26 Stelen werden die Lebensgeschichten von Opfern wiedergegeben, die stellvertretend für die 196 bisher bekannten Opfer von Nationalismus und Faschismus im Bezirk Ried im Innkreis stehen. Allgemeine Informationen zur Zeit vor, während und nach dem Nationalsozialismus sind in der so genannten "Infobox" der Ausstellung abrufbar und bieten zahlreiche Anküpfungspunkte für die Auseinandersetzung mit verschiedensten Themen. "Besonders wichtig war uns Barrierefreiheit in jeder Hinsicht, denn alle sollen die Möglichkeit haben sich zu informieren", berichtet die Leiterin der Kulturabteilung Dr. Sieglinde Frohmann. So sind die Räumlichkeiten stufenlos begeh- und befahrbar, es stehen neben Leichter-Lesen-Texten auch Informationen in Braille-Schrift zur Verfügung.


Projekte mit Schulen

Der Lern- und Gedenkort Charlotte-Taitl-Haus ist nicht zuletzt auch deshalb entstanden, weil Schülerinnen und Schüler eine Gedenkstätte für die Opfer des NS gefordert haben. Die besondere Atmosphäre dieses Raumes bietet nicht nur hervorragende Voraussetzungen für die inhaltliche Auseinandersetzung mit Zeitgeschichte sondern ist auch dem Gedenken und Erinnern gewidmet. Von Beginn an war dieser Raum auch für die Präsentation von Schulprojekten vorgesehen, die inhaltlich eine Anknüpfung an das Thema bilden. Das Schulprojekt Together hat wenige Wochen nach der Eröffnung des Lern- und Gedenkorts den Beginn gemacht. Im Rahmen der Initiative von KulturKontakt Austria wurde das wichtige Thema "Geschichtsvermittlung in der Migrationsgesellschaft" aufgegriffen.

Ein beeindruckendes schulisches Projekt war bereits im Vorfeld der Eröffnung das Theaterprojekt des Rieder Gymnasiums "Charlotte Taitl - ein paar Schritte in den Tod", das Schülerinnen und Schüler selbst verfasst und inszeniert und unter großem Publikumsandrang mehrmals aufgeführt haben. Im Rahmen der Eröffnung im Mai 2017 wurden einige Szenen aus dem Theaterstück gespielt, die das Publikum fesselten und berührten und den Abend bereicherten.

Besuch des Lern- und Gedenkorts
Der barrierefreie Lern- und Gedenkort Charlotte-Taitl-Haus kann bei freiem Eintritt während der Öffnungszeiten der Stadtbücherei (Dienstag, Donnerstag, Freitag 9:00 bis 12:00 und 13:00 bis 17:00 Uhr, Samstag 9:00 bis 12:00 Uhr) besucht werden. Schulklassen und Gruppen können den Lern- und Gedenkort nach Vereinbarung auch außerhalb der Öffnungszeiten besuchen. Eine Ausstellungsbegleitung ist für Gruppen nach Vereinbarung möglich.
Infos und Anmeldung:  Tel. 07752/901 DW 301 oder 302 sowie E-Mail: kultur(kwfat)ried.gv(kwfdot)at.


Museumsinformation

Lern- und Gedenkort Charlotte-Taitl-Haus

Roßmarkt 29, 4910 Ried im Innkreis
Telefon: 07752/901-301
Internet: www.ried.at