Das Ars Electronica Center bietet seit Jänner 2016 Führungen in Farsi und Arabisch für AsylwerberInnen an.

© Alois Lammerhuber

Museum und Migration - Vermittlungsangebote für Migrantinnen und Migranten

Museum Innovativ

Neue Zielgruppen für die Museumsarbeit

Inklusion war das Thema, das uns im letzten Jahr schwerpunktmäßig durch das Museumsjahr begleitet hat. Kulturelle Teilhabe für alle ist ein erklärtes Ziel und zentrale Anforderung an die heutige Museumsarbeit  -  und doch schien der Fokus der Diskussionen sich vor allem auf die Gruppe von Menschen mit Behinderungen zu richten. In diesem Bereich ist schon manches geschehen, es ist aber auch noch Vieles zu leisten, um diesen Zugang tatsächlich auch zu ermöglichen.
Als weitere "neue"  - und bedingt durch Alter, Herkunft und persönliche Schicksale sehr heterogene - Zielgruppe ist vor einigen Jahren jene der Migrantinnen und Migranten hinzugekommen, die nun durch die massiven Flüchtlingsbewegungen der letzten Zeit als breit wahrnehmbare Gruppe auftritt.
Museen sind in ihrer Funktion als Identitäts- und Erlebnisorte aber auch im Sinne eines gemeinsamen Verständnisses um kulturelle Diversität und sich ständig wandelnde Gesellschaften aufgerufen, sich dieser Aufgabe als Chance und neue Herausforderung sowohl durch die Erarbeitung und Bereitstellung entsprechender Vermittlungsangebote als auch durch die Reflexion und Adaption der hausinternen Sammlungs- und Ausstellungspolitik anzunehmen. Sie können eine wichtige Rolle im Integrationsprozess von Flüchtlingen übernehmen, vor allem auch indem sie helfen, Dekonstruktionsangebote hinsichtlich der oft stark polarisierenden Kategorien von "Eigen" und "Fremd" zu setzen: Kleine Häuser, die sich der lokalen Geschichte oder speziellen Themen widmen, sind ebenso zur Beteiligung aufgerufen wie die großen Museen.

Wir haben uns in Oberösterreich nach Initiativen von Museumseinrichtungen umgesehen, die spezielle Angebote für Migrantinnen und Migranten bieten und sind auf einige spannende Ansätze gestoßen, die auch anderen Museen als Anregung dienen können:


"Neue Nachbarn" - LENTOS Kunstmuseum Linz

Mit dem Projekt Neue Nachbarn schafft das LENTOS Kunstmuseum Linz seit Oktober 2015 einen Ort, an dem eine Begegnung zwischen Flüchtlingen sowie Österreicherinnen und Österreichern - zwischen "neuen Nachbarn" und "alten Nachbarn" - möglich ist. Das Format von Neue Nachbarn ist offen: In den Räumen des Donauateliers im LENTOS wird gemeinsam gemalt und es werden kreative Beschäftigungsmöglichkeiten für Kinder von Flüchtlingsfamilien angeboten. Außerdem kann man in Räumen einen gemütlichen Kaffeeplausch halten. Im Rahmen von Museumsführungen mit Übersetzerinnen und Übersetzern und beim gemeinsamen Betrachten von Kunstwerken soll zudem auch der Prozess des Deutschlernens unterstützt werden.  
Von Ende September 2015 bis Jänner 2016 waren in die Ausstellung der LENTOS-Sammlung Fotografien des Linzer Fotografen Tom Son integriert, der Menschen auf der Flucht in Linz, Wien, Traiskirchen und Budapest fotografiert hat. Diese Begegnungen - festgehalten  in Schwarz-Weiß-Porträts - bildeten einen einfühlsamen Anknüpfungspunkt an die persönlichen Biografien der Ausstellungsbesucherinnen und -besucher. Auch seitens der beteiligten Kunstvermittlerinnen und Kunstvermittler werden die Begegnungen mit Schutzbedürftigen als persönliche Bereicherung empfunden.
Neue Nachbarn wird unter der Leitung der Kunstvermittlerin Galia Baeva, die viel Erfahrung in das Projekt einbringt, und in Kooperation mit der Caritas Flüchtlingshilfe umgesetzt. Letztere hat sich als wertvoller Partner hinsichtlich der Organisation des Programms und der Vermittlung von Übersetzerinnen und Übersetzer in Farsi und Arabisch erwiesen. Die Termine von Neue Nachbarn finden jeweils am ersten Samstag im Monat im Donauatelier des LENTOS von 14:00 bis 16:00 Uhr statt. Eine Anmeldung ist unbedingt erforderlich.

Zum multilingualen Vermittlungsangebot des LENTOS Kunstmuseums zählen außerdem Führungen für Gehörlose mit einer Gebärdensprachdolmetscherin sowie englisch- und türkischsprachige Führungen durch die Sonderausstellungen.

Auch für das NORDICO Stadtmuseum Linz wird derzeit ein neues Vermittlungsformat für Migrantinnen und Migranten geplant, das mit Beginn der nächsten Sonderausstellung ab April zur Verfügung stehen wird.

Information und Anmeldung:
Dr.in Dunja Schneider
Tel.: +43 (0)732/7070 3602
E-Mail: dunja.schneider(kwfat)lentos(kwfdot)at
Web: www.lentos.at 


ARS ELECTRONICA CENTER - Führungsangebote in FARSI und Arabisch

Anfang Jänner hat das AEC kostenlose Führungen in Farsi und Arabisch durch zwei engagierte Infotrainerinnen und -trainer in sein Vermittlungsprogramm aufgenommen. "Dieser Museumsbesuch ist einerseits eine schöne Form etwas gemeinsam zu unternehmen und andererseits mehr darüber zu erfahren, was Oberösterreich zu bieten hat", so liest man auf der Website des AEC. Inhaltlich wird bei der Führung, die etwa eineinhalb Stunden dauert, geografisches Wissen zur Region und zum Bundesland Oberösterreich in den verschiedenen Ausstellungsbereichen vermittelt. Ein besonderes Highlight ist dabei der Besuch des Deep Space 8K, wo man eine riskante virtuelle Abfahrt auf der Streif oder einen Rundflug über das dreidimensionale Oberösterreich wagen kann. Aber auch die Ausstellungsbereiche Raumschiff Erde, GeoPulse Linz und Robotic werden sehr gut angenommen. Digitalisiertes Kartenmaterial und Satellitenansichten laden ein, den aktuellen Standort, den aktuellen Wohnort zu suchen.

Zum Start des Vermittlungsangebotes wurden Privatinitiativen in den jeweiligen Orten, Sozialarbeiterinnen und -arbeiter sowie Unterkunftgeber auf die Möglichkeit eines Museumsbesuches aktiv aufmerksam gemacht, mittlerweile hat sich das Projekt jedoch zum Selbstläufer entwickelt und die Termine sind mindestens einen Monat im Voraus ausgebucht. Bereits im ersten Monat  konnten 300 Besucherinnen und Besucher verzeichnet werden. Für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des AEC verbleibt nach der Führung das positive Gefühl, einer Gruppe von interessierten Personen in einer inspirierenden Umgebung spannende Inhalte vermittelt und ein positiv besetztes Erlebnis ermöglicht zu haben. Da die Angebote auch für die meisten Begleitpersonen neu sind, wird innerhalb der Gruppe ein gemeinsamer Wissensstand erreicht.

Aufgrund der Erweiterung des Teams mit den beiden neuen Infotrainerinnen und -trainern ergeben sich für das AEC laufend Möglichkeiten für weitere Projekte mit Migrantinnen und Migranten: beispielsweise für künstlerische Auseinandersetzungen oder auch für Diskussionsveranstaltungen, bei denen einerseits die Vernetzung als auch die sprachliche Unterstützung wesentliche Momente sind.

Führungen in Farsi finden jeden zweiten Sonntag um 11:30 und 14:00 Uhr statt, arabischsprachige Führungen werden jeden zweiten Samstag und Sonntag um 11:30 und 14:00 Uhr angeboten. Eine rechtzeitige Anmeldung ist unbedingt erforderlich.

Information und Anmeldung:
Susi Windischbauer
Tel.: +43 (0)732/7272 782-55
E-Mail: susi.windischbauer(kwfat)aec(kwfdot)at
Web: www.aec.at


Oberösterreich entdecken. Ein Vermittlungsprojekt des Oberösterreichischen Landesmuseums für Asylwerberinnen und Asylwerber

Mit einer umfangreichen Vermittlungsschiene wendet sich das Oberösterreichische Landesmuseum an unterschiedliche Zielgruppen vom Kindergarten- bis zum Seniorenalter, um möglichst für alle Bevölkerungsgruppen Objekte und Informationen aus der Geschichte des Landes zugänglich und mit allen Sinnen erlebbar zu machen. Seit Februar 2016 werden als neue Besuchergruppe auch Asylwerberinnen und Asylwerber mit eigenen Vermittlungsprogrammen angesprochen - jeden Dienstagnachmittag besteht gegen Anmeldung die Möglichkeit für eine kostenlose Führung durch die Ausstellungen des Schlossmuseums. Das zweistündige Führungsprogramm wird in Englisch bzw. Deutsch abgehalten und bietet die Möglichkeit zur Simultanübersetzung durch Teilnehmerinnen oder Teilnehmer aus der Gruppe. Die Erfahrung hat gezeigt, dass dieser Ansatz gut funktioniert und sicher auch auf andere - kleinere - Museen übertragbar wäre.
Vor allem in kulturgeschichtlichen Museen sollte bei den Angeboten für Asylwerberinnen und Asylwerber darauf geachtet werden, keine Re-Traumatisierungen auszulösen, da einzelne Objekte - beispielsweise mittelalterliche Waffen oder Fotografien aus der Nachkriegszeit - persönliche Traumata wieder aufleben lassen können. Im Focus stehen daher zwar oberösterreich-spezifische Themen, jedoch liegt ein Schwerpunkt auf der Fauna und Flora Oberösterreichs. Das Natur-Erlebnis ist ein spannendes, aber eher neutrales Vermittlungsthema, das lustvoll erlebt werden kann. Die Erfahrung hat auch gezeigt, dass spielerische Ansätze sehr gut angenommen werden - es ist geplant, diese noch stärker zu forcieren und auszubauen.

Termine finden jeweils an Dienstagen von 13:00 - 17:00 Uhr statt. Eine Anmeldung ist unbedingt erforderlich und sollte etwa zwei bis drei Wochen vor dem gewünschten Termin erfolgen.

Information und Anmeldung:
Tel.: +43 (0)732/7720 523 46 oder +43 (0)732/7720 523 47,
Email: m.stauber(kwfat)landesmuseum(kwfdot)at oder s.strohmayer(kwfat)landesmuseum(kwfdot)at
Web.: www.landesmuseum.at


Migration als Thema der Museumsarbeit

Neben der Vermittlungssarbeit ist das Thema "Migration" aber auch für die Sammlungs-  und Ausstellungspolitik eines Museums zentral. So ist es eine wesentliche Aufgabe von Museen, anhand der Objekte, die neu  in ihre Sammlung aufgenommen werden, die Gesellschaft eines Landes sowie deren kulturelle Ausprägungen und Leistungen abzubilden. Jede Veränderung einer Gesellschaft - beispielsweise auch durch Migrationsbewegungen - sollte ein entsprechendes Abbild in den Museumssammlungen und Ausstellungen und schließlich in der Vermittlung finden.

Das Museum Arbeitswelt beispielsweise  hat das Thema Migration als eigenes Vermittlungsprogramm für Kinder und Schulgruppen in sein Angebot aufgenommen, in dessen Rahmen die Ursachen, Verläufe und Wirkungen von Migration und ihre Herausforderungen an moderne Demokratien erläutert und diskutiert werden: Was heißt überhaupt Migration? Aus welchen Gründen wandern Menschen und wie geht es ihnen dabei? Was bedeutet Migration für Europa, für die Welt? Wie wäre die Situation in Österreich ganz ohne Zuwanderung?