"Wohin sollten wir nach der Befreiung?" Wanderausstellung in der KZ-Gedenkstätte

Museum innovativ

Mit Blick auf die aktuelle Flüchtlingssituation in Afrika, im Nahen Osten und die Auswirkungen auf Europa soll im Rahmen unserer Rubrik "Museum innovativ" eine Wanderausstellung vorgestellt werden, die derzeit im Wechselausausstellungsbereich der KZ-Gedenkstätte Mauthausen zu sehen ist. Die Schau widmet sich den Schicksalen der mehr als 10 Millionen "Displaced Persons", welche nach 1945 in Europa nicht mehr in ihrem Ursprungsland aufgefunden wurden - zumeist Überlebende des nationalsozialistischen Terrors. Nach unserem Verständnis ist diese Ausstellung auch eine Anregung, einen Schritt weg von der allgegenwärtigen Schwarz-Weiß-Malerei zu gehen und Strategien für einen positiven Umgang mit den entwurzelten und traumatisierten Flüchtlingen in unserer Nachbarschaft aufzuzeigen, anzunehmen oder zu entwickeln. Die Ausstellung lädt ein, sich mit diesem Kapitel europäischer Vergangenheit auseinanderzusetzten, Parallelen zum Heute zu erkennen und danach zu handeln.

"Wohin sollten wir nach der Befreiung?"

Mit der Ausstellung "Wohin sollten wir nach der Befreiung?" Zwischenstationen: Displaced Persons nach 1945 lenkt der International Tracing Service (ITS) in Bad Arolsen den Blick auf das Schicksal Überlebender der NS-Verfolgung, des Holocaust und der Zwangsarbeit, die von den Alliierten "Displaced Persons" (DPs) genannt wurden. Mehr als zehn Millionen DPs befanden sich nach 1945 in Europa. Die eigens eingerichteten DP-Camps wurden für diese Menschen zu Zwischenstationen. Die Überlebenden rangen darum, das Erlittene zu bewältigen und sich zugleich auf die Zukunft zu konzentrieren. In den DP-Camps etablierten sie Strukturen von Kindergärten bis hin zu Theatern, die auch den außerordentlichen Lebenswillen der Menschen dokumentieren. Die Ausstellung verwebt in zahlreichen Stationen alliierte Strategien mit verschiedenen Aspekten der DP-Geschichte sowie Biografien.

International Tracing Service in Bad Arolsen

Die Arbeit des ITS reicht bis zu den Anfängen der UNRRA (United Nations Relief and Rehabilitation Administration) im Jahr 1943 und ab 1947 der IRO (International Refugee Organisation) zurück, deren Aufgabe die Unterstützung der DPs in Europa und im Pazifik durch Hilfsgüter und Wiederaufbaumaßnahmen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges war. Konfrontiert mit Millionen entwurzelter Menschen, die ihre Heimat, Familienangehörige und ihr Hab und Gut verloren hatten, sollte eine Struktur aufgebaut werden, diesen Menschen zu helfen und deren Leben wieder eine Perspektive zu geben. Eine bedeutende Rolle nahmen in diesem Bereich die westlichen Alliierten ein. Wesentlich war dabei die Registrierung der Menschen, bei der es um Fragen ging wie: Wer stammte aus welchem Staat, wer konnte und sollte wann wohin zurück gebracht - repatriiert - werden? Wer suchte nach Angehörigen? Nach wem wurde gesucht? Millionen von Dokumenten, die im Rahmen der Registrierung von unterschiedlichen Hilfsorganisationen entstanden waren, wurden schließlich in Bad Arolsen - bis heute Sitz des 1948 gegründeten ITS -zusammengeführt. Aber nicht nur Registrierungsdokumente, sondern auch Millionen an Dokumenten, die Alliierte aus Konzentrationslagern, Gefängnissen, Gestapo-Leitstellen und anderen Nazi-Einrichtungen gesichert hatten, landeten in Bad Arolsen. Der ITS, dessen Bestände 2013 von der UNESCO als Weltdokumentenerbe anerkannt wurden, und deren Hauptaufgabe bis zur Öffnung für Forschung und Bildung im Jahre 2007/08 die Klärung der Schicksale von Verfolgten des NS-Regimes und deren Familienmitgliedern war, wird nun zu einer Forschungs- und Bildungsstelle zur NS-Zeit, zur alliierten Nachkriegsgeschichte und dem Leben der Überlebenden.

Die Themen der Ausstellung

Im Gedenkjahr 2015 sollten wichtige Ergebnisse der Bevölkerung nicht nur im Rahmen von Publikationen, sondern auch durch Ausstellungsprojekte zugänglich gemacht werden. Forschungsleitend waren dabei Fragen nach den individuellen Erfahrungen von DPs in der Zeit nach dem Krieg, so Susanne Urban, die Kuratorin der Ausstellung: "Was geschah mit den Menschen danach? Wie bahnten sie sich einen Weg zurück ins Leben? Was war die Rolle der Alliierten, wie positionierten sich die umgebenden Mehrheitsgesellschaften, Deutsche oder auch Österreicher, gegenüber den Befreiten? Was geschah mit den Menschen im Laufe der kommenden Jahre?".

Konzeptionell nähert sich die Ausstellung an diese Fragen über allgemeine Themenstellungen an, die in der Ausstellungspräsentation jedoch immer mit individuellen Schicksalen verwoben wurden. Susanne Urban nannte im Rahmen der Eröffnungsrede zur Ausstellung als zentrale Themen die Erstversorgung, die spezifische Situation jüdischer DPs, die Repatriierung, das Leben in den Camps, aber auch das Resettlement-Programm der Alliierten. Die Ausstellung nähert sich auch dem Schicksal überlebender Kinder an - und auch hier finden wir Parallelen zur Gegenwart bei Fragen nach der physischen, aber vor allem psychosozialen Betreuung unbegleiteter, minderjähriger und zutiefst traumatisierter Flüchtlinge (so genannte UMF), die ihre Familien im Krieg oder auf der Flucht verloren haben. "Und am Ende der Ausstellung steht die Frage im Mittelpunkt, ob das Displacement aufzuheben ist, ob einzelne Identitätsfragmente nicht doch unverankert bleiben, wie sich die Erfahrung in der zweiten und dritten Generation niederschlägt - und ob überhaupt", so Susanne Urban

Gestaltung und Finanzierung

Die Ausstellungsgestaltung arbeitet mit Holz und unregelmäßigen Formen: Dokumente, Texte und Fotos wurden direkt auf Birkenholzstelen gedruckt, deren einzelne Elemente unterschiedliche Winkel, Schrägen und Kanten aufweisen. Dies ist keineswegs zufällig gewählt: "Die Gestaltung symbolisiert das Leben im Transit, greift Metaphern auf, aber es wird kein DP-Camp nachinszeniert. Und doch: Es ist eine relativ rasch auf-und abzubauende Ausstellung, zu verpacken in rohe Kisten." Die Ausstellung symbolisiert auch auf der Gestaltungsebene den raschen Aufbruch, der - wenn auch schon länger geahnt und befürchtet - das Leben Einzelner überrollte.

Die von einem internationalen Expertengremium wissenschaftlich begleitete Ausstellung "Wohin sollten wir nach der Befreiung?" wurde aus Mitteln der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" (EVZ) gefördert.

Besuch der Ausstellung und Begleitmaterialien

Die Ausstellung "Wohin sollten wir nach der Befreiung?" Zwischenstationen: Displaced Persons nach 1945 ist von September 2015 bis Mai 2016 in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen zu besichtigen.

Für Schulen und Bildungseinrichtungen sind begleitend zur Ausstellung fünf pädagogische Hefte zum Thema erschienen, die kostenlos als Download auf der Website des ITS im Bereich "Forschung und Bildung / Unterrichtsmaterialien" zur Verfügung stehen. Die Hefte zum Kindersuchdienst und die Broschüre "Abenteurer wider Willen", das auf Briefen von ins Exil getriebenen Menschen nach 1939 beruht, sind hierbei besonders hervorzuheben, gerade weil der Transfer in die Gegenwart auf der Hand liegt.

Dr. Susanne Urban war bis Oktober 2011 für den ITS in Bad Arolsen tätig und ist seit 1. November 2015 Geschäftsführerin beim jüdischen Erbe der SchUM-Städte.

Links:
www.its-arolsen.org
www.mauthausen-memorial.at/

Museumsinformation

KZ-Gedenkstätte Mauthausen

Erinnerungsstraße 1, 4310 Mauthausen
Telefon: 07238/2269